(Ich schreibe diesen Blogbeitrag im vollen Bewußtsein, daß eine meiner besten Freundinnen eine RB-Dauerkarte hat und ich vermutlich zu Kreuze werde kriechen müssen…)

Gießen wir am heutigen Tage, wo viele den Aufstieg von RB Leipzig in die 1. Bundesliga feiern, doch mal etwas Wasser in den Wein. Nachdem Beve in einem Blogbeitrag den Aufstieg aus Sicht eines Fußballfreundes beleuchtet hat (danke, daß erstmals einer mein diffuses Bauchgefühl in passende Worte kleidete), möchte ich dasselbe mal aus politischer Sicht tun.

Was bedeutet RB Leipzig (und dessen Aufstieg) für die Stadt Leipzig?

Die wirtschaftlichen Folgen

Auf den ersten Blick scheint es ja ein positiver Wirtschaftsfaktor zu sein, einen Erstligisten in der Stadt zu haben. Der Spielbetrieb selbst generiert Einnahmen, auch einige Zulieferfirmen können sicher darauf aufbauen. Was ist aber z.B. mit der Kleinmesse Leipzig, die einen ernstzunehmenden Besucherrückgang verzeichnet? Hat ja auf den ersten Blick abgesehen von räumlicher Nähe nichts mit RB zu tun. Auf den zweiten Blick allerdings schon, denn das Trainingszentrum von RB wurde auf Kosten der Kleinmesse erweitert. Weniger Platz für die Schausteller bedeutet weniger Attraktionen und daher auch weniger Besuchermagnete.
Hier trifft es nicht irgendeinen Laden, sondern eine historische Leipziger Institution.

Da nun das Trainingszentrum steht, muß die Stadt Leipzig für die auf der Fläche nicht mehr gegebenen Parkmöglichkeiten Ausweichflächen ankaufen, was natürlich ins Geld geht – und zwar in das aller Steuerzahler.

Die städtebaulichen Folgen

Beim Umbau des ehemaligen „Stadion der Hunderttausend“ – einer DDR-Attraktion auf Weltniveau – gingen mehr als die Hälfte der ursprünglichen Plätze verloren. Kurz danach wurde sogar nochmal um etwa 2.000 Plätze gekürzt.
Nach dem Aufstieg beginnt nun das hektische Schachern um mehr Plätze oder am besten gleich ein neues Stadion. Ein Witz, erst zwanghaft zu verkleinern und jetzt eine Vergrößerung als zwingend hinzustellen.

Ebenfalls ungeklärt: die verkehrstechnische Anbindung des Stadions. Wünschenswert wäre natürlich eine Anreise mit dem ÖPNV, was aber durch dessen schlechten Ausbau allenfalls für Leipziger Fans in Frage käme. Direkt dorthin fährt aktuell nichts, die Straßenbahnen halten lediglich in der Nähe. Würde hier ein Ausbau tatsächlich kommen, wäre das nicht nur ein Affront gegenüber all jenen Leipzigern, die schon seit Jahren auf bessere Anbindung warten, sondern würde auch zulasten der Stadtkasse gehen.

Auswärtige werden wohl immer mit dem PKW anreisen, was nicht nur eine ständige Umweltbelastung ist (und unsere Versuche, dem Autokollaps Herr zu werden, konterkariert), sondern auch die Frage nach sich zieht, wo die Herrschaften parken sollen. Schließlich wurde schon das Trainingszentrum ins Landschaftsschutzgebiet gepflastert und irgendwie wird man ja das ungute Gefühl nicht los, zugunsten des Profits geht da noch mehr.

Die touristischen Folgen

Welches Image vermittelt es, wenn eine ganze Stadt sich nicht in ihre Stadtfarben und ihr Wappen hüllt, sondern sich großflächig mit Logo und Firmenfarben eines österreichischen Sponsors schmückt?

Das Bemühen, aus einer Marketingaktion eine Leipziger Tradition zu formen, greift nicht. RB Leipzig ist ein fortwährender Werbespot, mit einem Hauptdarsteller, der sich darin sonnt, hier von der Stadtprominenz hofiert zu werden. (Und davon, daß hier eben einer hofiert wird, der ganz offen die 50-plus-eins-Regel sowie ein paar Transferbestimmungen umgangen hat, fang ich jetzt mal gar nicht erst an.)

Der doofe Osten und Leipzig in seinem Post-Olympia-Größenwahn haben sich kaufen lassen und die Republik wird noch mehr über uns lachen als es damals über Hoffenheim gelacht hat (und die mußten nicht mal mit dem SAP-Logo antreten). Düsseldorf und St.Pauli hatten wenigsten noch etwas Selbstachtung und haben Logo und Vereinsfarben nicht für dem Kommerz geopfert.

Die medialen Folgen

Erstaunlicherweise wird über die negativen Seiten von RB Leipzig (egal auf welcher Ebene) wenig berichtet. Die beiden Lokalblätter füllen ihren Sportteil recht gut mit dem Bundesligisten und auch die Online-Ableger haben tägliche soviele Schlagzeilen im Angebot, daß man überlegt, ob auch noch was außerhalb der RB-Filterblase passiert ist. Erstaunlich, wieviel so pro Tag bei elf Mann Berichtenswertes passieren kann…

Die Abwesenheit jeglicher Kritik in den etablierten Stadtmedien war so offensichtlich, daß sich mittlerweile eine Gruppe sportinteressierter Leipziger dieser Aufgabe annahm.

Die Folgen für die Leipziger

Der Aufstieg wird direkt mit einer vermeintlichen Aufwertung Leipzigs verknüpft. Das klingt auf den ersten Blick gut, bedeutet jedoch nichts anderes als eine Verteuerung des Lebensstandards. Preise und Mieten werden steigen.

Unter Umständen werden städtische Gelder in Projekte in Zusammenhang mit RB investiert, die woanders dringender oder besser ausgegeben wäre.

Insgesamt wird der Aufstieg dazu führen. Leipzig wieder ein Stück gesichtsloser zu machen, wieder ein bißchen mehr wie alle anderen Großstädte in Deutschland. Letztlich geht es Red Bull ja nicht um Leipzig. Leipzig war austauschbar und lediglich die Stadt und der Verein, die bereit waren, sich die Bedingungen der Österreicher diktieren zu lassen, statt nein zu sagen. Wie bei jedem Investor gilt auch hier: die Karawane wird weiterziehen, wenn das Wasserloch versiegt ist.

Vielleicht ist dies auch nur eine Vorausschau auf die Zukunft, wenn Städte und deren Verwaltungen oder Stadträte auch ganz offiziell nicht mehr das Sagen haben, sondern sich ähnlich kaufen lassen wie schon jetzt der Name des Zentralstadions.


P.S. Eine wirklich wirklich lesenswerte Kolumne zur ganzen Thematik ging vor einer Woche beim Kreuzer online.

17.05.2016 – Ein Nachklapp

Die Aufstiegsfeier wurde gestern unter den von mir aufgeführten Gesichtspunkten noch richtig lustig.

Zu einen stellt es sich aktuell so dar, als ob wesentliche Teile der Feier (eines privaten Fußballvereins) vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen bezahlt wurden, nämlich die auftretenden Künstler.

Zum anderen haben sich die RB-Fans mal wieder von ihrer besten Seite gezeigt: als die Band Silly sowohl im RB-Trikot als auch in anderen Shirts ostdeutscher Vereine auftrat, wurden sie ausgebuht. Ein CDU-Stadtrat bezeichnete die Gäste sogar als „arme Würstchen“:

Die Aktion von Silly war – nachdem RB deutlich nicht zu den „herkömmlichen Fußballvereinen“ gehört – als umarmende Geste gedacht. Zurückzuführen war dies wohl auf eine mit den MDR-Aktivitäten für diese Aufstiegsfeier zusammenhängende Fehlkommunikation: Silly wurden für ein „Fußballfest für die ostdeutschen Clubs“ eingeladen. Hier stellt sich die Frage, ob die Band unter Vortäuschung falscher Tatsachen gebucht wurde oder ob – vielleicht auf Druck von RB – eine allgemeine Fußballfeier des MDR mit Sendetermin am Pfingstmontag zu einer Aufstiegsfeier von RB umgedeutet wurde. Für letzteres spricht, daß es der MDR war, die Künstler eingeladen und bezahlt hat, daß die „Party“ moderiert wurde und daß es sehr viele „Gratulanten“ gab, die direkt mit RB gar nichts zu tun hatten.

Wir sollten das im Auge behalten, sagt mein Bauchgefühl.

Wir sind E1NS ?
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