16 Minuten. 16 Minuten dauerte es im Morgengrauen vor 75 Jahren, große, charakteristische Teile dieser, meiner wunderschönen Stadt in Schutt und Asche zu legen.

Dieses Ereignisses, der vielen Toten, Verletzten, Vertriebenen, Heimatlosen und anderweitigen Opfer des Krieges haben wir heute an der Gedenkstätte auf dem Südfriedhof gedacht.

Es gibt keine Worte dafür… Darum wurde heute während der Gedenkstunde u.a. folgender Text verlesen:


Auszüge eines Briefes einer unbekannt gebliebenen Verfasserin wenige Tage nach dem 4. Dezember 1943

Am Sonnabend früh Großangriff auf Leipzig, halb 4 Uhr. Es war fürchterlich!
Helene und ich leben und es geht uns soweit gut. Ganz Leipzig ist kaputt, es ist ein gräßlicher Anblick. Die ganze innere Stadt total ausgebrannt, es stehen nur noch Ruinen.

Ging heute früh zu Fuß nach meiner Arbeitsstelle, ein Trümmerhaufen. Ich sage Dir man kann’s nicht ertragen wenn man Leipzig sieht! Auf dem Kickerlingsberg, die herrlichen Villen ausgebrannt, in allen Straßen das Gleiche. Am Freiladebahnhof brennt’s noch, der Hauptbahnhof furchtbar beschädigt, Hotel Astoria, Ringmessehaus, Hotel Kaiserhof, Schützenstraße, die Hauptpost, Café Corso, Neues Theater, Altes Theater, alles ausgebrannt. Nur noch die Mauern stehen, Ruinen! Johanniskirche, Hotel Sachsenhof, das ganze Viertel am Grassimuseum, Täubchenweg, verwüstet, der Krystallpalast total ausgebrannt. Die innere Stadt, Grimmaische Straße, Petersstraße, Markt alles ein Trümmerhaufen. Das ganze Südviertel, kurzum: grauenerregend, es nimmt einem den Verstand, die schöne Stadt! Die Thomaskirche, Johanniskirche kaputt, man kann es nicht beschreiben – die Nerven sind total kaputt nach so einem grauenhaften Erleben! Und dann der Dreck und die rauchverpestete Luft, ich bin kaum wieder zurückgekommen vom Gerichtsweg, so brannten mir die Augen.

Alles hat Angst, dass sie nochmal kommen. Aber alle Sachen hier im Stich lassen? Andere wollen auch fort. Nichts gibt’s zu kaufen, das Gas geht nicht, es ist kalt in der Wohnung ohne Fenster. Der Mieter ist am Freitag fort ohne zu sagen wohin, hat den Schlüssel noch, wann kommt er wieder? Bin nun allein in der Wohnung, sitze bei 10 Grad. Unser Haus hatte zwei Brandbomben bekommen, die aber schnell gelöscht wurden. Unsere einzige Bitte ist, das Schicksal möge uns behüten, daß dies nicht nochmal kommt.

Keine Post geht, keine Zeitung, den Brief nimmt eine Dame aus dem Hause mit nach Halle morgen, daß Du Bescheid hast. Die Menschen fahren mit Handwagen und rennen herum, jeder hat ein bißchen Hausrat gerettet. Möbel stehen herum draußen, rußig und dreckig sehen sie aus, man kann sich kein Bild machen wer’s nicht erlebt hat.

Ich muß hier fort, aber wohin wo’s sicher ist! Von Leipzig geht kein Zug, man muß weit laufen bis zum nächsten Bahnhof! Mögt Ihr so etwas nicht erleben! Ich könnte nach Zeitz, aber ist Zeitz sicher? Ist Chemnitz sicher? Wer weiß?

Wenn nicht bald die Vergeltung kommt! Schönes Weihnachten!
Herzliche Grüße Euch allen, bleibt gesund!
Eure Marie

Ute Elisabeth 'Lily' Gabelmann ist seit 2009 Piratin, alleinerziehende Mutter eines Zirkuskaters, überzeugte LVB-Nutzerin, bruncht gern im 100Wasser und zieht die Adoption der Ozelot-Familie im Zoo in Erwägung. Sie liebt Blek Le Rats “Madonna mit Kind” an der KarLi und kennt die tollste Autorin sowie die beste Eisdiele der Stadt. Sie ist Ratsherrin in einer der schönsten Städte Deutschlands, arbeitet mit einem Team cooler Leute zusammen und war auch mal politische Geschäftsführerin der Bundespartei.

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